
Eine Hurtigruten Kreuzfahrt ist keine klassische Kreuzfahrt, sondern eine Mischung aus Linienverkehr, Seereise und Expeditionsroute. Seit 1893 verbinden die Schiffe täglich die norwegische Küste miteinander und laufen auf der klassischen Postschiffroute mehr als 30 Häfen zwischen Bergen und Kirkenes an. Bis heute sind Hurtigruten-Schiffe Teil der norwegischen Infrastruktur: Sie transportieren Passagiere, Post und Fracht und sind für viele Küstenorte ein wichtiges Verkehrsmittel.
Auf unserer Reise von Kirkenes nach Bergen an Bord der MS Nordkapp wurde schnell klar: Hier geht es nicht darum, entertaint zu werden, sondern darum, Norwegen aus nächster Nähe zu erleben.
Die MS Nordkapp von Hurtigruten ist ein klassisches Schiff auf der legendären Postschiffroute von Kirkenes nach Bergen. Was man auf einer Hurtigruten-Reise dennoch sehr schnell lernt: Man lebt nicht nur im Schiff, man lebt mit dem Meer. Die MS Nordkapp ist kein schwimmendes Resort, das jede Bewegung kaschiert. Seegang ist spürbar, manchmal sanft wiegend, manchmal deutlich kräftiger. Und genau das macht den Reiz aus. Man weiß jederzeit, dass man unterwegs ist, entlang einer der wildesten und schönsten Küsten Europas.
Die MS Nordkapp wurde im Jahr 1996 gebaut und gehört damit zu den klassischen Schiffen der Hurtigruten-Flotte. Wie viele Schiffe dieser Generation wurde sie 2016 umfassend modernisiert, wobei Technik, Kabinen und öffentliche Bereiche an heutige Standards angepasst wurden, ohne den funktionalen, maritimen Charakter zu verlieren.
Mit einer Länge von rund 123 Metern und Platz für etwa 590 Passagiere ist die MS Nordkapp deutlich kleiner als moderne Hochseekreuzfahrtschiffe. Genau diese Größe macht es möglich, auch kleinere Häfen anzulaufen und sehr nah an der Küste zu fahren.
Im Herzen dieses Schiffes, auf Deck 5, befindet sich ein Rückzugsort, der uns während unserer Reise immer wieder ein Gefühl von Heimat, Komfort und norwegischer Gelassenheit schenkte: die Arktis Außenkabine Superior. Die Arktis Außenkabine Superior zählen zu den beliebtesten Außenkabinen an Bord: Sie sind größer und komfortabler als die Standard-Kabinen, liegen auf den mittleren bis oberen Decks und bieten natürliches Licht und Aussicht auf das offene Meer oder norwegische Küstenlandschaften. Das ist ein klarer Pluspunkt auf dieser Route.
Unsere Arktis Außenkabine Superior 507 auf Deck 5 ist mehr als nur ein Rückzugsort: Sie ist unser Basislager. Jacken, Mützen und Schals bleiben oft griffbereit oder gleich angezogen. Denn es passiert ständig etwas draußen. Ein Licht, eine Küstenlinie, plötzlich auftauchende Berge und dann heißt es: schnell raus auf Deck. Viele Passagiere handhaben es ähnlich: Man bleibt „halb angezogen“, um jederzeit nach draußen zu können. Hurtigruten ist keine Reise, bei der man sich einmal schick macht und dann im Theater sitzt. Es ist eine Reise, bei der man ständig zwischen Innen und Außen, zwischen Wärme und arktischer Luft pendelt.
Die Kabine ist funktional und gut durchdacht, allerdings sollte man wissen, dass der Platz begrenzt ist. Besonders am Fußende des Bettes ist der Durchgang sehr schmal, sodass man sich dort nur eingeschränkt bewegen kann. Für uns war das der größte Nachteil der Kabine, gerade wenn man nachts auf Toilette gehen möchte (und auch noch Seegang ist), sich gleichzeitig fertig macht oder das Gepäck geöffnet ist.

Unsere Arktis Außenkabine Superior auf Deck 5 an Bord der MS Nordkapp
Für uns ist es sehr wichtig, zumindest ein Fenster in der Kabine zu haben. Außerdem hat die Arktis Außenkabine Superior ein eigenes Bad mit Dusche und WC, ein gemütliches Doppelbett und einen kleinen Platz zum Postkarten schreiben. Es ist insgesamt ein guter Rückzugsort zum Schlafen nach langen Tagen voller Entdeckungen.
Was diese Kabine besonders angenehm macht, ist nicht nur die Lage über dem Wasser, sondern auch die perfekte Lage an Bord. Fernab von hektischem Bordbetrieb und doch mittendrin im Erlebnis Hurtigruten. Auf Deck 5 befindet sich nur wenige Meter entfernt von unserer Kabine eine Tür nach draußen mit direktem Weg zum Aussichtsdeck am Bug. Für uns ist das Aussichtsdeck am Bug der schönste Platz an Bord und es ist einfach wunderbar, in wenigen Minuten dort zu sein.

Der traumhafte Ausblick vom Bug an Bord des Postschiffes MS Nordkapp
Viele Menschen denken bei „Kreuzfahrt“ an riesige schwimmende Resorts mit Pools, Broadway-Shows und diverse Sportangebote an Bord. Die Hurtigruten-Kreuzfahrt ist anders: Sie ist eine Mischung aus klassischer Schiffsreise, Expeditionsgefühl und authentischer norwegischer Postschifftradition.
Auf Hurtigruten sind die Schiffe gleichzeitig Passagier- und Postschiffe: Sie bedienen ganz reale, oft kleine norwegische Häfen entlang der Küste, bringen Menschen, Waren und Post von Ort zu Ort und sind Teil des norwegischen Verkehrsnetzes seit dem 19. Jahrhundert.
Das prägt die gesamte Atmosphäre an Bord einer Hurtigruten Kreuzfahrt. Hier gibt es keine künstlich geschaffene Urlaubswelt, sondern einen funktionierenden Alltag auf See. Morgens gehen Pendler an Land, Fischer steigen zu, Container werden verladen und mittendrin befinden sich die Reisenden, die genau dieses echte Norwegen erleben wollen. Man merkt schnell: Hurtigruten fährt nicht für Touristen, sondern mit ihnen. Das Schiff ist Transportmittel, Treffpunkt und Beobachtungsplattform zugleich. Wer sich darauf einlässt, wird nicht bespaßt, sondern Teil einer Reise, die seit Generationen so stattfindet.

Ein typischer Halt entlang der Postschiffroute mit der MS Nordkapp in Nesna
Statt abendlicher Shows oder Bühnenunterhaltung bestimmen hier Landausflüge, natürliche Lichtspiele und Küstenlandschaften den Tag. Mehrmals täglich legt das Schiff an, manchmal nur kurz, manchmal länger, und die Passagiere steigen aus, um Städte, Fjorde oder arktische Landschaften zu entdecken.
Besonders eindrücklich sind die Nächte. Während auf klassischen Kreuzfahrten abends Ruhe einkehrt, beginnt auf Hurtigruten oft ein zweiter, stiller Höhepunkt. Gerade in den Wintermonaten, aber auch im Frühling und Herbst, stehen nachts Menschen in dicken Jacken an Deck, schweigend, mit Blick zum Himmel. Jeder hofft auf diesen Moment: Polarlichter.
Es ist nichts Ungewöhnliches, dass mitten in der Nacht jemand durch die Gänge geht, nachdem die Durchsage auf der Kabine kam, dass Polarlichter gesichtet wurden. Die Durchsage kann man natürlich freiwillig aktivieren. Dann öffnen sich Kabinentüren, Schritte hallen leise über Deck, Thermoskannen werden geteilt. Niemand beschwert sich über die Kälte. Denn das, was man sieht, entschädigt für alles. Diese geteilten, wortlosen Augenblicke gehören zu den intensivsten Erlebnissen an Bord.

Polarlichter gesichtet an Bord der MS Nordkapp
Ein engagiertes Expeditionsteam begleitet die Reise auf einer Hurtigruten Kreuzfahrt: In Vorträgen, an Deck-Briefings oder bei Gesprächen vermittelt es Hintergrundwissen zu Geologie, Tierwelt, norwegischer Kultur oder Naturphänomenen wie Nordlicht oder Mitternachtssonne.
Dabei bleibt es nie trocken oder akademisch. Oft geht es um Beobachtungen, die man gerade selbst gemacht hat: ein Seeadler am Horizont, besondere Felsformationen oder das Polarlicht der letzten Nacht. Die Crew erklärt, ordnet ein, macht neugierig. Dieses Wissen begleitet einen über die gesamte Reise. Man sieht Landschaften nicht nur, man versteht sie ein Stück besser. Und genau das verändert den Blick. Jeder Küstenabschnitt bekommt Tiefe, jede Durchsage Bedeutung.
So begegneten wir auch den „Sieben Schwestern“ (Syv Søstre) an der Helgeland-Küste in Nordland. Es ist eine berühmte Gebirgskette, bestehend aus sieben markanten Gipfeln, die laut Sage versteinerte Trolljungfrauen sind.

Cruise Sister Juliet sichtet die Sieben Schwestern in Nordland
Auf einer Hurtigruten Kreuzfahrt stehen Landschaft, Natur und lokale Kultur im Mittelpunkt. Große Pools oder Shows gibt es nicht, dafür aber einen direkten Zugang zur Nordatlantik-Landschaft, Felswänden, Wasserfällen und Fischerdörfern, die man so vom klassischen Kreuzfahrtschiff selten sieht. Entspannung ist auch an Bord von Hurtigruten möglich. Es gibt Whirlpools, Saunen und auch einen gut ausgestatteten Fitnessraum an Bord.
Statt Lasershows, Tanzeinlagen oder Captain’s Dinner bietet Hurtigruten etwas anderes. Man erlebt während der Kreuzfahrt echte maritime Rituale. Eines der bekanntesten ist die Überquerung des Polarkreises. Wenn das Schiff diese unsichtbare Linie passiert, versammeln sich Passagiere an Deck, egal bei welchem Wetter. Es wird erklärt, gefeiert, gelacht, fotografiert. Man kann Lebertran trinken und gemeinsam bei der Überquerung in die Lüfte springen. Man spürt: Das ist ein Moment, der zur Reise dazugehört.
Solche Ereignisse strukturieren die Tage an Bord. Sie geben der Route Bedeutung und machen deutlich, dass man sich nicht einfach von Hafen zu Hafen bewegt, sondern Teil einer jahrhundertealten Seereise ist.

Cruise Sister Janice genießt die Küstenlandschaft und die Atmosphäre an Bord
An Bord dominiert die „Coastal Kitchen“: Menüs mit nordischen Aromen, lokalen Zutaten und saisonalen Spezialitäten. Während man isst, gleitet die Küste vorbei.
Das Essen ist ein wichtiger Teil des Reisealltags. Man sitzt im Restaurant, während draußen Fjorde, Inseln und Küstenlinien vorbeiziehen. Gespräche werden leiser, Blicke wandern zum Fenster, manchmal bleibt das Besteck kurz liegen. Auch hier passt sich alles der Reise an: es gibt keine festen Galaabende und keinen Dresscode. Stattdessen eine entspannte, ruhige Atmosphäre, in der Genuss und Landschaft selbstverständlich zusammengehören.

Das Hauptrestaurant Torget an Bord der MS Nordkapp
Jeden Abend wird an Bord einer Hurtigruten Kreuzfahrt ein anderes Drei-Gänge-Menü serviert, das sich thematisch an der aktuellen Etappe der Route orientiert. Besonders schön: Die linke Seite der Speisekarte erzählt von der Region, den kulinarischen Traditionen und kulturellen Einflüssen, während die rechte Seite die Gerichte zur Auswahl zeigt. So wird das Essen zu einer stillen Form des Reisens.
Kirkenes etwa, nahe der Grenze zu Finnland und Russland gelegen, ist geprägt von einer multikulturellen Bevölkerung und genau das spiegelt sich auch auf dem Teller wider. Die Küche ist rustikal, nordisch und bodenständig: viel Fisch, Wild, Beeren und Kräuter. An diesem Abend stehen beispielsweise Borschtsch, Hering und Rentier auf dem Menü.
Zur Vorspeise gibt es samisches Brot mit Hering, eine Karottentarte oder russischen Borschtsch. Als Hauptgang kann man zwischen Finnmark-Rentier, Kabeljau oder Kartoffelkuchen wählen. Den Abschluss bilden russischer Honigkuchen, Himbeermousse, Eiscreme oder Käse. Es sind Gerichte, die nicht nur satt machen, sondern Geschichten erzählen von Regionen, Menschen und einer Küste, die man nicht nur sieht, sondern auch schmeckt.

Das 3-Gänge-Menü am Abend im Hauptrestaurant der MS Nordkapp